Insights vom TYPO3 Camp Berlin 2025
Wie der Government Site Builder (GSB) TYPO3-Websites des Bundes verändert
Jürgen Michael Kindler | 18.10.2025 | zuletzt aktualisiert am 12.02.2026
Beim TYPO3 Camp Berlin 2025 wurde in einer der aufschlussreichsten Sessions von Daniel Fau (TYPO3 GmbH) deutlich, wie weit der Government Site Builder (GSB) inzwischen gereift ist – und wie stark er die Arbeit an Bundeswebsites strukturell verändert. Was vor zwei Jahren noch wie ein rein technisches Migrationsprojekt wirkte, zeigt sich heute als grundsätzliche Veränderung: Statt der bisher üblichen, jeweils individuell entwickelten TYPO3-Auftritte einzelner Bundesbehörden gibt es nun einen standardisierten Baukasten mit klaren Vorgaben, festen Komponenten und einem einheitlichen Backend.
Agenturen entwickeln nicht mehr komplette TYPO3-Setups, sondern konfigurieren einen vorgegebenen Rahmen. Dabei verlagert sich der Schwerpunkt von individueller Entwicklung hin zu Beratung, Governance und redaktioneller Qualität. Genau darin liegt der eigentliche Wandel: Die Wertschöpfung verlagert sich weg von der Technik hin zu Strategie, Prozessen und Consulting.
Viele in der Community haben diese Tragweite unterschätzt. Nach Faus Ausführungen herrschte im Raum kurz lautes Schweigen – nicht aus Überraschung, sondern weil deutlich wurde, dass der GSB nicht nur Technik ersetzt, sondern Rollen, Prozesse und Wertschöpfung im öffentlichen Sektor neu sortiert.
Kurz gesagt: Der GSB reduziert technische Projektarbeit, erhöht aber den Bedarf an fachlicher Steuerung, Governance, Priorisierung und redaktioneller Begleitung. Das Agenturgeschäft wird nicht kleiner – aber es verändert sich grundlegend.
Update vom November 2025
Neue Impulse aus der diesjährigen T3CON
Berichte aus der Community – unter anderem von der T3CON 2025 – bestätigen den Eindruck aus dem TYPO3 Camp: GSB11 wird inzwischen nicht mehr als einmaliges Migrationsprojekt verstanden, sondern als langfristiges Infrastrukturvorhaben für die Webauftritte der Bundesbehörden. Mit dem Rahmenvertrag „Los 3“ hat das ITZBund Materna als Generalunternehmen für die Migration vom bisherigen GSB10 auf GSB11 beauftragt; die 16 beteiligten TYPO3-Agenturen arbeiten dabei als Implementierungspartner unter einem gemeinsamen organisatorischen Dach. Technische Grundlage bleibt – stand heute – TYPO3 12 LTS, was im öffentlichen Sektor die notwendige Stabilität für Betrieb und Governance sicherstellt.
Die Migrationsleistungen sind über das Kaufhaus des Bundes für rund 530 Bedarfsträger abrufbar. Diese Größenordnung macht deutlich, dass der GSB nicht nur ein technisches Projekt ist, sondern ein langfristiges Vorhaben mit erheblichem Koordinations- und Beratungsbedarf.
Interessant ist vor allem, wo externe Dienstleistende ins Spiel kommen. Denn der Kern des GSB – seine standardisierten Pakete, vordefinierten Funktionsbausteine und festen Release-Zyklen – liegt bei Bund und Konsortialagenturen. Rundherum entstehen jedoch konkrete Aufgabenfelder, zum Beispiel:
- Onboarding von Behörden: GSB erklären, Rollen klären, Redaktionen schulen
- Content-Migration und Strukturierung bestehender Inhalte in GSB-Seiten und -Bausteine
- Beratung zu Accessibility und redaktioneller Qualität auf Basis der GSB-Komponenten
- Anbindung externer Systeme wie Fachverfahren, Formularserver, Karten- und Datenquellen
- laufende Qualitätssicherung, Tests und Vorbereitung auf GSB-Updates aus Sicht der Behörde
- Moderation und Priorisierung von Änderungswünschen in Richtung der GSB-Gremien
Damit wird deutlicher, wo der Handlungsspielraum außerhalb des GSB-Kernsystems liegt: nicht in der Erweiterung oder Veränderung des GSB selbst, sondern in der Beratung zum Umgang mit den erlaubten Optionen – insbesondere im Self-Hosted-Modell. Hier geht es darum, technische Möglichkeiten und die Vorgaben des Standards sauber auszubalancieren und Behörden bei Integration, Prozessen, Accessibility und redaktioneller Qualität zu begleiten. Genau dort entsteht das langfristige Arbeitsfeld für TYPO3-Fachleute mit Public-Sector-Expertise.
Was häufig missverstanden wird
GSB11 ist kein geschlossener Agenturmarkt
GSB11 wird oft als „geschlossener Markt“ wahrgenommen, weil die Migration vom bisherigen GSB10 (Java) auf GSB11 (TYPO3) exklusiv über den Rahmenvertrag Los 3 abgewickelt wird. Dieses Los umfasst jedoch primär die technische Migration, Grundkonfiguration und die initialen Schulungen – also den Kernbereich, der in der Verantwortung des Bundes und der beauftragten Konsortialpartner liegt.
Formal ist der Markt nicht vollständig geschlossen. In der Praxis profitieren jedoch die Konsortialagenturen von strukturellen Vorteilen – insbesondere durch bestehende Rahmenverträge, Vertrauensvorsprung und organisatorische Nähe zum GSB-Kernsystem.
Alles darüber hinaus ist nicht automatisch Teil von Los 3 und fällt nicht zwingend unter den Kreis der 16 Partneragenturen. Ein erheblicher Teil der Arbeit rund um GSB11 entsteht außerhalb des Kernsystems – beim laufenden Betrieb in den Behörden und bei Anforderungen, die mit der Standardlösung des Bundes nicht vollständig abgedeckt werden.
Gerade im Self-Hosted-Modell wird sichtbar, wie groß dieser „Außenring“ ist. Hier beauftragen Behörden externe Dienstleistende typischerweise für:
- laufende Beratung, redaktionelle Qualitätssicherung und Accessibility
- Integration externer Systeme (Fachverfahren, Datenquellen, Karten, API-Backends)
- Begleitung von GSB-Updates aus Sicht der Behörde (Tests, Rollout-Vorbereitung)
- Optimierung von Prozessen, Workflows und redaktionellen Strukturen
- Content-Migrationen, Informationsarchitektur und Strukturberatung
- Aufbereitung und Priorisierung von Änderungsbedarfen gegenüber den GSB-Gremien
Das Entscheidende: Der Bund definiert den technischen Rahmen – aber der Bedarf der Behörden endet dort nicht. GSB11 ersetzt keine Beratung, keine Integration und keine redaktionelle oder organisatorische Begleitung. Genau in diesen Feldern entsteht das langfristige Arbeitsvolumen – auch wenn die Umsetzung in der Praxis häufig über etablierte GSB-nahe Dienstleistende läuft.
Warum man kaum GSB-Ausschreibungen sieht
Ein weiterer häufiger Irrtum betrifft die Sichtbarkeit des GSB in öffentlichen Ausschreibungen. Da die Einführung von GSB11 als Standardlösung des Bundes über den Rahmenvertrag „Los 3“ organisiert wird, erscheinen viele Umstellungen nicht als einzelne, frei ausgeschriebene Projekte auf gängigen Vergabeplattformen. Der Rollout erfolgt gebündelt über das Konsortium unter Führung von Materna.
Das bedeutet jedoch nicht, dass der Markt insgesamt „geschlossen“ ist. Geschlossen ist vor allem der formale Einführungspfad der Plattform selbst. Die daran anschließenden Leistungen – Relaunches auf Basis von GSB11, Integration externer Systeme, redaktionelle Begleitung, Accessibility-Beratung oder organisatorische Optimierung – werden weiterhin separat beauftragt und können auch außerhalb des Konsortialvertrags vergeben werden.
Die geringe Sichtbarkeit in Ausschreibungsportalen ist daher weniger ein Indikator für fehlende Verbreitung, sondern eher eine Folge der gewählten Beschaffungsstruktur des Bundes.
